Es ist ein bisschen so, als würde Daimler das Interesse am Automobilbau verlieren und als hätte Schraubenhändler Reinhold Würth keine Lust mehr auf Schrauben. Klingt ziemlich unwahrscheinlich? Genau das geschieht gerade bei Siemens: Der Industriekonzern aus München kappt einen guten Teil seiner historischen Wurzeln. Er spaltet sein Geschäft mit Kraftwerken und Stromübertragung ab und bringt es an die Börse. Damit nimmt der Konzern Abschied von der eigenen Geschichte, schließlich lieferte Siemens vor mehr als 140 Jahren die Technik für das erste E-Werk der Welt – für Bayerns Märchenkönig Ludwig II., der die Venusgrotte auf Schloss Linderhof elektrisch illuminieren ließ.

Industrieriese mit über 90.000 Mitarbeitern

Marcus Theurer

Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


Aber von den Großtaten aus dem vorletzten Jahrhundert können der Dax-Konzern und seine Aktionäre heute nicht mehr leben. Deshalb wird am Montag das neue Unternehmen Siemens Energy erstmals an der Frankfurter Börse notiert, ein Koloss mit mehr als 90.000 Mitarbeitern und 29 Milliarden Euro Jahresumsatz. Für einen Tag rückt der Neuzugang sogar vorübergehend in den Deutschen Aktienindex Dax auf, was allerdings nur technische Gründe hat.