Wegen der Fusion mit Praxair zeigen sich bei Linde Auflösungserscheinungen in der Zentrale. Die Fluktuation in der Verwaltung in der Münchener Innenstadt hat nach Informationen der F.A.Z. stark zugenommen: Nach internen Personalstatistiken des Gasekonzerns verließ schon 2017 etwa jeder Sechste aus eigenen Stücken das Unternehmen. In den ersten acht Monaten dieses Jahres waren es 6,6 Prozent, „und das dürfte noch deutlich steigen“, wie ein Kenner sagte. Normal waren über die Jahre sonst im Durchschnitt 1 bis 3 Prozent in der Zentrale und 1 bis 2 Prozent unternehmensweit in Deutschland.

Klaus Max Smolka
Rüdiger Köhn

Linde kommentierte die Zahlen auf Anfrage nicht. Kernfunktionen der Verwaltung wandern an den Praxair-Sitz Danbury im amerikanischen Bundesstaat Connecticut ab. Abgezogen werden etwa Finanzen, Buchhaltung, Konzernstrategie und Investor Relations. In München verbleiben sollen Steuern, Einkauf und Sicherheit.

Die hohe Fluktuation ist auch Folge des im Jahr 2016 unter dem alten Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Büchele eingeleiteten Kostensenkungsprogramms „Lift“. Das hat indirekt allerdings auch mit Praxair zu tun, denn Büchele legte es als „Alternativvariante“ zur Renditesteigerung auf, nachdem ein erster Anlauf zum Zusammenschluss mit Praxair gescheitert war. Viele Angestellte könnten es vorgezogen haben, die freiwilligen Abfindungen mitzunehmen.


Über die Verwaltung hinaus hat bei Linde intern eine Personalie Unruhe verursacht, die schon länger entschieden war, aber erst vor kurzem herauskam: Linde-Vorstand Bernd Eulitz ist nach dem Zusammenschluss der zwei Konzerne für das Gasegeschäft von Linde in Amerika verantwortlich – statt wie bisher dargestellt für Europa. Diese Aufgabe übernimmt jetzt der Praxair-Manager Eduardo Menezes.

Linde stellt das offiziell als Austausch der Kulturen dar. In Wirklichkeit wird es im Konzern weitgehend als Schritt der Praxair-Seite gesehen, über den entsandten Verantwortlichen das ferne Europa stärker unter Aufsicht zu nehmen. Zudem könnten mittelfristig geplante Einschnitte so noch einmal forciert werden, heißt es. Bis zum Jahr 2021 gilt noch ein Beschäftigungspakt, der betriebsbedingte Kündigungen ausschließt.