Demnächst dürfte die Bad Sodener Messer Group zum größten rein deutschen Industriegase-Hersteller aufsteigen. Dieser Umstand ist allerdings nicht einer Umsatzexplosion oder einer Einkaufstour des international vertretenen Mittelständlers geschuldet. Vielmehr führt der geplante Zusammenschluss des Branchenriesen Linde AG mit dem Konkurrenten Praxair aus Amerika dazu. Bisher spielt die Messer Group im Konzert der ganz Großen, gemessen am Umsatz, eine untergeordnete Rolle. Konzerne wie das französische Unternehmen Air Liquide, Air Products oder eben Linde sind außer Reichweite.

Doch Stefan Messer gibt sich als geschäftsführender Gesellschafter in diesen Tagen entspannt. Er rechnet für dieses Jahr mit einem Umsatzwachstum von sechs Prozent gegenüber 2016. Das hat mehrere Gründe. Das nach einer Stagnation nicht zuletzt in China wieder anziehende Geschäft und die erste Stickstoff-Tankstelle, die Messer in dieser Woche nahe Paris eröffnet, sind nur zwei Gründe. Zudem investiert er in Siegen.

 

„Wir beobachten das interessiert“

Die Fusion von Linde und Praxair sieht Messer nicht als Bedrohung, obwohl ein Konzern mit mutmaßlich gewaltiger Marktmacht entsteht. Vielmehr sieht er sogar Chancen in dem Zusammenschluss, dem die Aktionäre von Linde und Praxair noch zustimmen müssen. „Wir beobachten das interessiert“, sagt er und verweist auf Unternehmensteile, die beide Partner auf Geheiß der Kartellbehörden wohl werden abgeben müssen. Messer will etwas vom Kuchen abhaben. Dabei ist er sich bewusst, unter anderem gegen Air Products anzutreten, einen Konzern mit viel Geld in der Kasse nach dem Verkauf seiner Chemiesparte an den deutschen Spezialchemiekonzern Evonik.


Doch die Messer Group wächst auch ungeachtet möglicher Zukäufe. „Es läuft wieder gut in China und ganz besonders in Vietnam“, berichtet Stefan Messer. In dem aufstrebenden asiatischen Land errichten die Hessen gleich zwei neue Luftzerlegungsanlagen, die Sauerstoff, Stickstoff und das zum Schweißen benötigte Edelgas Argon herstellen. Abnehmer ist ein neues Stahlwerk, wie der Chef weiter sagt. Messer investiert vor dem Hintergrund verringerter Überkapazitäten auf dem chinesischen Stahlmarkt – und weil Vietnam seinen Nachholbedarf beim Ausbau der Infrastruktur selbst decken wolle und nicht mit Importen aus China. Auch erweitert Messer die Produktion von Stickstoff für ein Smartphone- und Tablet-PC-Werk eines großen koreanischen Herstellers. Der Kunde nutze Stickstoff zur Behandlung der Glas-Oberflächen.

Bild: F.A.Z.
 

Überhaupt ist die Messer Group in Fernost auf Expansion getrimmt. Seit zwei Jahren arbeitet die Niederlassung in Singapur, in Malaysia hat Messer eine Firma erworben, nun gründet das Familienunternehmen in Indonesien und Thailand jeweils eine Landesgesellschaft. Ziel: „Wir wollen außer in China auch in den Asean-Staaten zusätzlich vertreten sein.“ Asien ist gemessen am Umsatz schon bisher die wichtigste Region für die Hessen, trotz eines vorübergehenden Rückgangs 2016. In Fernost haben sie vergangenes Jahr 386 Millionen Euro umgesetzt, in Zentral- und Osteuropa 375 Millionen Euro und in Westeuropa einschließlich Deutschland 351 Millionen Euro. Auf die 100 Mitarbeiter zählende deutsche Landesgesellschaft entfielen 56 Millionen Euro nach 52 Millionen Euro im Vorjahr. Hinzu kommt noch Peru als kleinster Markt, der 16 Millionen Euro zu den Erlösen beisteuert.

In Asien arbeitet auch das Gros der Beschäftigten. Weltweit zählte Messer zuletzt 5486 Mitarbeiter, 2155 davon in Asien, 1943 in Zentral- und Osteuropa, 993 in Westeuropa sowie 246 in der Zentrale und 148 in Peru.

Auch wenn aus der deutschen Landesgesellschaft nicht viel zu hören ist, sieht Messer das Geschäft in der Heimat nach seinen Worten auf gutem Weg. Das liege zum einen am Kunden Salzgitter, der für eine Vollauslastung des Luftzerlegers von Messer auf dem Betriebsgelände des Stahlkochers sorge. Auch die ähnliche Anlage auf dem Areal der Deutschen Edelstahlwerke in Siegen laufe gut. An diesem Standort unweit von Hessen wolle Messer sein Gasefüllwerk ausbauen. Dabei gehe es um Spezialgase wie Methangemische, die Heizungs-Produzenten benötigten, um Brenner zu testen. Solche Gase seien auch in der Analytik von Autoabgasen und als Airbag-Füllungen gefragt. In Krefeld richtet das Unternehmen ein neues Technikum zur Forschung und Entwicklung ein und führt gleichzeitig bisher über mehrere Standorte verteilte Einrichtungen zusammen.

 

Neue Stickstoff-Tankstelle

Für etwas ganz Neues sorgt Messer in dieser Woche in Frankreich. In der Nähe von Paris eröffnet das Unternehmen eine Stickstoff-Tankstelle. Die Tankstelle befindet sich an einer Großmarkthalle, die täglich von etwa 20.000 Lastwagen angesteuert wird. Messer ziele mit seiner Innovation auf Fuhrunternehmer, die bisher Aggregate zur Kühlung von Lebensmitteln letztlich mit Diesel laufen lassen. Indem sie mit Stickstoff kühlten, müssten sie die Motoren ihrer Lastwagen nicht ständig in Betrieb halten und senkten folglich Abgas- und Lärmemissionen. Dies sei auch deshalb wichtig, weil Paris in den nächsten Jahren Diesel-Lastwagen aus dem Stadtbild verbannen wolle.

 

Derweil erfreut Messer besonders in Polen eine wachsende Zahl von Kunden mit einem anderen Einsatz von Stickstoff: Dort setzten sich nicht zuletzt Sportler in eine Cryosauna. Sie schätzten die trockene Kälte von minus 140 Grad zur Regeneration – statt sich in die Eistonne zu hocken, wie sie von der deutschen Fußball-Nationalelf genutzt wird.